Einblick in die Läuferseele

Es ist wohl mitten in der Nacht – wie spät genau, kann ich nicht sagen.

Stockfinster ist es im Hotelzimmer hier in der Nähe des Flughafens in Bilbao.

Seit einiger Zeit liege ich nun schon hier und starre auf die Decke. Wie viele Sekunden, Minuten oder vielleicht sogar Stunden ich am Rücken mit allen Vieren von mir gestreckt so schon da liege, kann ich nicht sagen.

Meine Pulsuhr ist batterielos. Oder besser: Akku leer. So wie bei mir.

Was ich mit Sicherheit weiß, ist wie die Decke aussieht. Gleich wie zappenduster es in meinem Doppelzimmer auch sein mag.

Ich kenne die Zimmerdecke von den vergangenen gut 24 Stunden in und auswendig, lag ich doch seit dem gestrigen Abendessen viel rum und hatte Zeit zum Starren.

Viele Stilelemente sind es ja auch nicht gerade da oben – die Farbgebung auch so wie man sie in einem Flughafenhotel erwartet.

Und doch sehe ich in der Dunkelheit die Decke genau vor mir; in all ihrer Unanmutigkeit.

Ich liege da, weil ich nicht schlafen kann. Nicht so wie mein Vater, der im Bett links neben mir nach einem Tag, der nicht wunschgemäß verlief, seine Ruhe gefunden hat.

Aber wie soll ich auch schlafen? Ich habe ja einen Albtraum!

Aber nicht diese Sorte Albtraum, der dich plötzlich nachts schweißgebadet hochschrecken lässt.

Nein, einer dieser Albträume, der so unfassbar und unglaublich ist, dass er dich erst gar nicht schlafen lässt.

Das Problem an diesen Albträumen ist, dass du daraus nicht aufwachen kannst. Wie auch, wenn du ja auch gar nicht erst schlafen kannst.

Mein Abltraum, der lautet 2016.

Langsam bewege ich meinen an sich doch so müden, leeren Körper in Seitenlage. Setzte meine Füße auf den Teppichboden und gehe zielsicher durch die Dunkelheit ins Badezimmer.

Licht an.

Ich stelle mich vor das Waschbecken des kleinen Raums und blicke mit starrem Blick in mein Spiegelbild.

Nun stehe ich da, leicht bekleidet in Boxershorts.

Und starre mich an.

Sekunde um Sekunde vergeht.

Die Minuten verringen.

Und doch schaue ich einfach nur gerade aus. Mir selbst ins unrasierte und von einem erneuten Tag voller Enttäuschungen gezeichneten Gesicht.

Was das Blickduell mit mir selbst genau bezwecken soll, weiß ich nicht.

Im Spiegelbild erkenne ich mich selbst auch kaum. Da nutzt auch die wachsende Dauer des starren Blickes nicht.

Was ich schließlich doch irgendwann zu sehen glaube, ist ein junger Mann, der an seinem Körper und eigenen Erwartungen gescheitert ist.

Ein junger Läufer, dessen Träume und Wünsche erneut nicht erfüllt wurden. Und das – leider – bei weitem nicht. Aber das war irgendwie doch auch abzusehen.

Denn meine Saison 2016 war eben ein Albtraum. Und ja, einer dieser welchen, die einen nicht einschlafen lässt. Gezeichnet von Rückschläge, Schmerzen und dem Mute der Verzweiflung, es einfach irgendwie zu probieren und dadurch zu erzwingen.

Wenige Stunden zuvor habe ich es ein letztes Mal probiert und wollte es erzwingen.

Beim XVI. Reunion International in der baskischen Metropole Bilbao stand ich zum vierten Mal 2016 über meine Paradestrecke am Start. Nach den enttäuschenden Staatsmeisterschaften war es der dritte internationale Auftritt über die 3.000m Hindernis.

Doch wie schon bei den vorangegangenen Rennen lief ich zwar – doch irgendwie lief es nicht. Ich fand nicht in das Rennen, das Rennen fand somit quasi ohne mich statt. Am Ende Rang 16 in 9:04,99min im großen international Feld. Eine schlappe halbe Minute von dem Weg, was sich in den vergangen Jahren irgendwo im Kopf als Traumzeit festgesetzt hat. Da ist es auch nur ein schwacher Trost, deutlich vor dem amtierenden deutschen Meister die Ziellinie zu überqueren…

Was danach folgte, machte aber noch mehr Sorgen als die Resultate der letzten 40 Tage zuvor.

Ich verspürte so etwas wie Erleichterung. Fühlte mich erlöst. Noch während ich das Innenfeld des kleinen windanfälligen Stadions verließ, spürte ich die große Last von mir Weichen. Es war endlich der Schlusspunkt.

Der Schlussstrich unter eine Saison, die eigentlich ohne mich stattfand.

Das Ende einer Reise durch Belgien, Polen und Spanien, deren Sinn sich den wenigsten ergeben wird.

Eigentlich unglaublich, wie ich es soweit kommen lassen konnte, das mir die Nicht-Erfüllung meiner eigenen Erwartungen so ein befreiendes Gefühl gibt. Wirklich unglaublich.

Doch der Junge im Spiegel filtert so langsam, warum derart desolate Leistungen eine Befreiung bedeuten können. Denn der junge Mann ist einfach am Ende. Ausgebrannt. Leer.

Mehr als 12 Monate immerwährende Schmerzen – mal heftiger, mal fast weg – nagen einfach so sehr an der Psyche, dass es irgendwann einfach nicht mehr geht.

Bei dem Jungen im Spiegel, geht es nun nicht mehr. Zumindest diese Einsicht konnte Mitten in der Nacht – oder vielleicht doch schon kurz vor Sonnenaufgang? – gewonnen werden.

Die späte Einsicht, dem Körper eine längere Aussicht zu geben, war wohl der größte Erfolg einer von wenig Höhepunkten gespickten Saison 2016. Die Einsicht, dass man trotz allen Willens und Glaubens eben machtlos ist, wenn der eigene Körper aufgrund einer Verletzung nicht mitspielen kann oder will.

Was es nun braucht, um endlich einschlafen zu können, ist ein neuer Plan. Ein neuer Weg. Ein neues Ziel.

Einen neuen Traum – also einen schönen, und nicht einen Albtraum gleich welcher Sorte – den braucht es nicht. Denn von diesem einen Traum – der nie ausgesprochen wurde und in keiner Formulierung der nahen Zukunft vorkommen wird – war ich 2016 so weit weg, wie schon Jahre nicht mehr. Trotz aller Mühen. Trotz allen Aufwandes. Trotz aller Unterstützung.

Dieser eine Traum, der wird mich nämlich noch lange begleiten. Mich. Den Jungen da im Spiegel. Und den jungen Mann, der sich nach dem Blickduell gegen sich selbst wieder ins Bett legte, um anstatt zu schlafen, an die Decke zu starren. Ohne etwas zu sehen. Aber dafür bald etwas zu schmecken. Den Geschmack von kullernden Tränen, die in den folgenden Wochen noch des Öfteren die Wangen herunterlaufen sollten.

Aber das ist irgendwie ja auch in Ordnung: denn „Tränen reinigen das Herz“ – meinte Dostojewskij.

Bleibt also zu hoffen, dass ein reines Herz auch das Ende des schlafraubenden Albtraums bedeuten wird…

Über Christoph Sander

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Es ist nun wieder da - dieses ganz eigene Kribbeln, das in einem empor zu steigen scheint, wenn der Inhalt der geschriebenen Zeilen des Trainingsplans langsam im Hirn ankommt und dir der Gedanke einschießt: "Ui, wie soll dass denn gehen"

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