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Bestzeit wider Erwartung und Umständen

Mein Hindernis-Saisonauftakt in Baden-Württemberg lief nicht wie gewünscht, dennoch sind 3000m Steeple nicht mit der zwei Drittel so langen Distanz zu vergleichen und somit war meine Motivation ungebrochen.

Am Dienstag nach dem Steeple-Einstieg lief ich eines der besten Tempoprogramme meines Lebens – auch dank einem an diesem Tag starken Kopf, perfekten äußeren Bedingungen und natürlich der Unterstützung von meinem Buddy Stephan.

Am nächsten Tag verabredeten wir uns zum lockeren Dauerlauf im Prater vor Steves Massage. Und so schön es nach Pliezhausen war, den Fuß respektive mein oberes Sprunggelenk nicht zu spüren, so furchtbar war das lockere Auslaufen einen Tag nach der Belastung und elf Tage von meinem ersten wichtigen Bewerb im belgischen Oordegem.

Jeder Schritt tat weh, die 45 Minuten wurden trotz Begleitung zu einer einzigen Fragerei meines Hirns an mich selbst: „macht das gerade wirklich Sinn?“

Lange habe ich nach außen zu meinen Beschwerden geschwiegen und außer Jenni und Stephan wusste bis dato kaum wer, wie lange mir was genau eigentlich schon weh tat und das Laufen hie und da richtig unlustig werden ließ.

Im Januar knickte ich nach der Heimkehr aus Monte Gordo mal um, nahm es nicht ernst. Die Hallensaison hindurch kam ich ohne Einschränkung, absolvierte jedoch mehr alternative Geschichten à la Aquajoggen oder Ergometersessions. Zwischen Halle und Cross – vor allem aber im Hinblick auf Kenia und den vermuteten unebenen Untergrund in Iten – ging ich meine üblichen Ärzte und konservative Behandlungen durch, um dann im Land der Läufer quasi „safe“ zu sein.

In Kenia passten sich meine Beschwerden, welche sich durch das Gefühl der Einschränkung im OSG und einer Reizung an der Achilles äußerten, den Umständen an. Soll heißen, die Motivation durch Land, Leute und Training ließ keine Gedanken an jedwede Wehwehchen zu und auch die Behandlungen durch kenianischen Masseur und deutschen Physio, der gleichzeitig auch Lebenskünstler ist, war passend und verhinderte zumindest eine Verschlechterung der Symptome

Zurück in Österreich kamen mit dem Höhenloch und dem doch zugegeben großen Fernweh auch die Beschwerden wieder. ÖLV-Masseur Jan Siart war mir zunächst wie schon im Winter eine große Hilfe, die Einschränkungen in Bezug auf das Training in Grenzen zu halten – die Ursache der Probleme blieb jedoch im Dunklen.

Nach der Heimkehr aus Schielleiten Mitte/Ende April lief es im Training runder, auch der 10.000m-Staatsmeistertitel half natürlich, die leider doch immer häufiger werdenden Schmerz-Signale meines Fußes zu überhören.

Bis einschließlich Pliezhausen half mir auch mein neuer Physio Matthieu – in meinen Augen ein Weltklasse-Mann in seinem Beruf (davor übrigens im Inline-Skaten!) – dabei, meine Trainings Tag für Tag wie geplant durchzuführen.

An jenem Mittwoch, gemeinsam mit Stephan im Prater, war dann aber schlagartig alles anders. All die kleinen Signale, dass etwas mit dem Fuß nicht stimmen kann, fusionierten wenn Ihr so wollt und sendeten einen Hilferuf! Von einer Minute zur nächsten kippte meine Stimmung, mein Gemütszustand. Natürlich ist es keinesfalls so, dass ich genau an dem Mittwoch aus dem nichts diese Schmerzen hatten, die mich kaum noch rund gehen und mir die Tränen in die Augen kommen ließen.

Dennoch veränderte sich etwas.

Auf einmal dachte ich: „verdammt, was wenn ich so lange über die Signale, über den Schmerz hinweggegangen bin, dass jetzt alles für den Teufel ist?“

„Was ist, wenn all die Mühen, die Kosten, die Entbehrungen der Vorbereitung umsonst waren, ich die Saison abbrechen muss und ohne Verbesserung dastehe?“

„War das alles umsonst?“

Ich bemühte mich mehr als je zuvor, schnell Klarheit über die Verletzung zu erhalten. All meine Karten auszuspielen, um zumindest Oordegem, dieses eine Rennen, welches mir noch dazu mit der Sache im vergangenen Jahr so viel bedeutet, zu retten.

Der Donnerstag ließ abgesehen vom Lauftreff keine Bewegung zu. Ich schmierte Salben was das Zeug hielt, behandelte mit Blackroll, Hörschall und Repulse-Strahler.

Freitag war dann in der Südstadt die letzte größere Belastung vor Belgien in einer Woche geplant. 3x1000mHi und 3x1000m flach waren geplant. In der Früh der 30min Auftakt war für den sprichwörtlichen Hugo. Tempo flott, Fuß kaputt – wenn man so will.

Mit massig Traumasalbe ging es dann ans Aufwärmen. Schritt unrund – Schmerzen. Dehnen, minimalistische Laufschule und ein paar Steigerer samt Hindernisüberquerungen. Jeder Schritt schmerzte, jeder Bodenkontakt verursachte einen Stich. Mit Tränen in den Augen dann die Entscheidung mit Coach Karl, der heute mehr Vater als sonst war, den Lauf zu starten und zu schauen, ob es vielleicht irgendwie doch geht. Und Wunder oh Wunder – es klappte! Die ersten 100m gegen den Wind mit Luca Sinn, der mich das Training begleitete im Nacken, noch unrund – danach echt genial. Mein bestes Training über die Böcke überhaupt. Und laut Hubert und Karl sah man von außen nichts, also keine Veränderung des Laufbildes. Abgesehen davon erkannten wohl beide, dass die Form – in Pliezhausen noch im Keller eingeschlossen – wohl doch da ist und sich Step-by-Step in die oberen Stockwerke aufmacht.

Die 3x1000m flach wurden gestrichen – 2x500m „hütte-hütte“ und das soll es gewesen sein. Eine Mini-Belastung am Dienstag noch und dann ab nach Oordegem auf Bestleistungsjagd – MRT dann einfach nach der Rückkehr…

Doch Samstag war der Plan schon wieder über den Haufen geworfen. Statt Auslaufen in der Südstadt oder Ergometer gab es Unfall-Krankenhaus in Mödling – Röntgen des OSG wegen akuter Schmerzen, die mich nun echt nicht mehr gehen ließen. Die Untersuchung war ein Kapitel für sich – herausgekommen ist jedenfalls nichts. Seltsam…

Das Wochenende verbrachte ich mit Jenni – gekennzeichnet von Verzweiflung, Humpeln und Traurigkeit…

Jenni unternahm dann auch alles in ihrer Macht stehende, nutzte all ihre Kontakte, und besorgte mir für Montag doch noch einen MR-Termin. Dort kam so allerhand raus – Sehnen und Bänder prinzipiell in Ordnung, ein paar Ödeme dort und da.

Nach einer Physio-Session am selben Tag ging es Dienstags zu Dr. Engel, seines Zeichens Olympiaarzt. Die Diagnose dort: Os Trigonum Syndrom, das am besten operativ entfernt werden muss und zudem massiver Gelenkserguss im Sprunggelenk. Na bravo!

Nach einem intensiven Gespräch mit Hinblick auf Oordegem bekam ich Voltaren, sollte so bis zum Rennen durchkommen und dann die Woche darauf alles Weitere besprechen.

Auch meine Mini-Belastung am Dienstag durfte ich aus seiner Sicht machen – doch die Rechnung wurde hier ohne den Wirten gemacht! Der Wirt war in dem Fall meine Schmerzresistenz. Ich versuchte mit leichten Schmerzmitteln intus wirklich alles, das Training durchzuführen. Aber keine Chance. Ich brach ab. Und anschließend zusammen. Mit Tränen in den Augen ging es heim, die Saison hatte ich zu dem Zeitpunkt komplett abgehakt. Meine Wünsche und Träume verflogen – was blieb, war der physische und vor allem psychische Schmerz.

Mittwoch ging es dann noch zu Dr. Uli Lanz. Diagnose OP sehr wahrscheinlich, sonst aber alles nur halb so schlimm – abgesehen vom Schmerz. Dennoch fand er viele aufmunternde Worte und wie schon damals bei Jenni die richtigen.

Mit einsetzender Wirkung des Voltaren ging’s Donnerstag mit Verena auf die Bahn. Mit einem kleinen Funken Hoffnung für Samstag und neuen Einlagen lief ich mich warm. Zum ersten Mal seit Wochen ohne stechenden Schmerz. Ich lief zwei Tage vor dem Wettkampf 3x500m Hindernis – ohne Verschlechterung! Zu schön um wahr zu sein.

Freitag bestieg ich dann also mit Verena, Karl und Christian Steinhammer den Flieger nach Belgien und anschließend den Transfer nach Oordegem.

Im selben Zimmer wie letztes Jahr, ruhte ich eine Nacht mit dem einzigen Gedanken: „hält der Fuß?“

Und wie er am nächsten Tag hielt! Ich lief eines meiner bisher besten Rennen meiner Karriere, setzte nach verhaltenem Beginn am Ende richtig nach und erzielte die schönste Bestzeit, die ich je gelaufen bin! 8:47,94min sind zwar immer noch 10sec weg von der Norm für Zürich, doch wie schön war das: statt Kullertränen der letzten Tage gab es Freudentränen bei der Umarmung mit Papa Karl und dem Telefonat mit Jenni!

Einfach genial! Ich wusste, die Form muss da sein, aber mit den letzten Wochen war es noch schwerer als sonst, daran zu glauben! Gott war das schön, dass mein Fuß zuließ, mich für so viele Schmerzen zu entschädigen!

Natürlich, das Auslaufen mit Christian am nächsten Tag war ohne Voltaren und vor allem Adrenalin hart bis unmenschlich, aber egal. Meine Zeit steht. 14. schnellster Österreicher aller Zeiten! Und mit Sonntag 27. schnellster Europäer!

Die Tage nach Oordegem verbrachte ich im Wasser und am Ergometer, mit Physio, Massage und weiteren Arztbesuchen. Am Mittwoch konnte ich unter großen Schmerzen 8x400m absolvieren. Freitag dann eine kleine Hindernisbelastung – auch mit relativ großem Aufwand für das Mini-Programm. Freitag ging es dann zu Dr. Peter Bock – auf Empfehlung von Uli. Diagnose: OP erst nach erneutem Röntgen – Problem bleibt der Gelenkserguss. Dagegen gab es die Spritze ins Gelenk. Seit dem habe ich zwar keinen einzigen Laufschritt hinter mir, aber bewege mich gänzlich ohne Schmerzen. Die Einschränkung verschwindet allmählich. Und vor Freude darüber verzichtete ich das Wochenende auf den zachen Ergo und fuhr über 100km durch Niederösterreich auf meinem restaurierten Peugeot-Rad aus den 1970ern.

Aber wofür das alles, fragt sich jetzt wohl jeder. Ich habe doch was ich wollte? Ich bin eine tolle Bestzeit gelaufen und habe unter den Umständen sehr viel herausgeholt. Vielleicht sogar alles herausgeholt?

Ich sage, NEIN! Da geht noch was! Bin ich zumindest überzeugt. Und deshalb stelle ich mich jetzt am Mittwoch noch ein Mal internationaler Konkurrenz und laufe im deutschen Dessau erneut so, als ob es mein letztes Rennen der Saison wäre!

Ein paar Sekunden hol ich mir noch. Jetzt oder nie! Mit Spritze, ohne Voltaren – aber unbändigen Willen!

In diesem Sinne ein großes DANKE all jenen, die mich so gut sie konnten wieder hergerichtet haben und ein großes Entschuldige jenen, die mich die letzten Wochen vor Oordegem sahen und sich dann wohl gedacht haben „träume ich, der hat doch gesagt er ist verletzt und läuft nichts mehr“! Tut leid für diese Täuschung, es war nicht meine Absicht! 😉

Über Christoph Sander

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Es ist nun wieder da - dieses ganz eigene Kribbeln, das in einem empor zu steigen scheint, wenn der Inhalt der geschriebenen Zeilen des Trainingsplans langsam im Hirn ankommt und dir der Gedanke einschießt: "Ui, wie soll dass denn gehen"

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