at Kruger Farm (@ privat)
at Kruger Farm (@ privat)

running with the kenyans

Es ist wirklich total schwierig hier, sich hinzusetzen und von den unzähligen täglichen Erlebnissen zu berichten. Nicht etwa, weil das W-Lan nach den täglichen Stromausfällen immer ein wenig braucht, um in Gang zu kommen. Oder weil uns neben den meistens zwei Einheiten pro Tag die Zeit fehlen würde, einen Blogbeitrag für alle Interessierten daheim zu verfassen. Es ist viel mehr so, dass wir hier so viel gemeinsam erleben dürfen – dürfen deshalb, weil es echt ein Privileg ist, hier trainieren zu können! Ich denke ich wäre jetzt bereits im Stande, ein ähnlich faszinierendes Buch mit den gemachten Erfahrungen zu schreiben, wie es Adharanand Finn mit seinem Werk „running with the kenyans“, welches dank Andi auf meinem Nachttisch liegt, getan hat. Auch gibt es trotz „eat, train, sleep, rest“ nicht übermäßig viele Minuten, in denen man psychisch wie physisch in der Lage ist, etwas Sinnvolles zu formulieren.

Intervalle im Kamariny-Stadion (© Wilhelm Lilge)
Intervalle im Kamariny-Stadion (© Wilhelm Lilge)

Heute jedoch, nach einem zachen aber doch guten Bahntraining (8x1000m + 3x200m) fühle ich mich zu Eurem Glück endlich in der Lage, die beiden letzten Trainingswochen im ‚Home of Champions‘ Revue passieren zu lassen.

Nach der sehr raschen und bei mir gewohnt einschlägigen Akklimatisierungsphase ging es in Woche zwei bereits ans Eingemachte. Weit über 160 Wochenkilometer aufgeteilt auf zwölf Einheiten standen am Ende im Trainingstagebuch – was vom Unfang, aber viel mehr noch der reinen Trainingszeit einen Rekord für mich bedeutete. Die absoluten Wochenhighlights aus Trainingssicht war die erste Bahneinheit am Dienstag (2x10x200m), denn „Tuesday = Trackday“. Das heißt im Regelfall, dass unzählige – wirklich unzählige! – Kenianer auf der staubigen Bahn des Kamariny-Stadions ihre „400-und-ein-bisschen-was“ (die Schätzungen reichen bei der tatsächlichen Rundenlänge je nach Läufertyp und Nation zwischen 403-408m) langen Runden drehen. Kerngruppen sind da bis zu 30 Personen stark – das Tempo ist teilweise – vor allem unter Berücksichtigung der dünneren Höhenluft auf 2400m – einfach nur faszinierend!

Zwei Tage später fand auch schon das zweite, bislang wohl verrückteste Training meiner Laufbahn am Programm. Denn während Dienstag auf der Bahn gebolzt wird, heißt es für 200-300 Kenianer jeden Donnerstag Punkt 9:00 Uhr „Kenya Fartlek“. Beim Fartlek, dem „Spiel mit der Geschwindigkeit“, trifft sich gefühlt ganz Iten am tiefesten Punkt des Hochplateaus und wartet von 8:55-9:00 Uhr auf die magischen Worte eines kleinen, in Laufshort und Shirt gehüllten Mannes, der dann zur vollen Stunde ruft: „1-1-30″ – also ‚one minute fast, one minute slow, 30 times“. Zu deutsch läuft nach seinem Startsignal die riesen Gruppe, in der sich schon mal Marathonweltrekordhalter Wilson Kipsang knapp vor Start zwischen Andi und mich stellt, langsam los. Nachdem dann nahezu jede Uhr nach 60sec piepst, läuft die Meute los, als ob es kein Morgen gäbe – bis zum nächsten Signal der Uhr, wo dann wieder in „Traben“ übergegangen wird! Und das Ganze dann eben 30 Mal beziehungsweise eine Stunde lang! Mir und meinem kenianischen Begleiter Isaac Kosgei genügten 20 Wiederholungen, womit wir von der Anzahl her im vorderen Viertel waren!

Am trainingsfreien Nachmittag dazwischen durften wir mit Sean-Paul, dem Besitzer unseres Hotels „Kerio View“, eine u.a. von ihm unterstützte Schule, in der neben den „Regelschülern“ auch Kinder mit körperlichen Behinderungen unterrichtet und umsorgt werden, besuchen! Sehr bewegende Momente für jeden einzelnen von uns verwöhnten Europäern, gerade als wir mitgebrachtes Brot, Bananen und Süßigkeiten verteilten und dafür Kinderlächeln als ‚Revanche‘ als wenn wir ihnen das Laufen auf zwei Beinen wieder ermöglich hätten!

Weitere Highlights der zweiten Wochen waren am Wochenende ein 12km Tempodauerlauf auf der „flachen“ Moibenroad sowie am Sonntag ein Ausflug ins Kerio Valley, wo wir zwar keine Krokodile am Fluss, dafür aber zahlreiche Affen entlang der sich mehrere hundert Höhenmeter ins Tal schlängelnden Straße beobachten konnten.

In der dritten Trainingswoche war die Motivation zwar ungebrochen, die unzähligen Höhenmeter bei jedem einzelnen Training tun aber der allgemeinen Frische alles andere als gut! 😉

Am Dienstag war der „Trackday“ mit 6x600m, 6x500m, 6x400m schon etwas anspruchsvoller für mich – im Vergleich zu den 2000ern der Gruppe rund um 1500m-Star Asbel Kiprop (in 5:45-5:??min) allerdings vom Tempo eher lächerlich…

Für den Longrun am Mittwoch hatten wir die großartige Idee, uns der ’sagenumwobenen‘ „end of the road“-Truppe anzuschließen. Das bedeutete für uns, 5:45 Uhr Tagwache, um 5:50 Uhr in die Laufschuhe und los durch die Finsternis. Nach gut 20 Minuten und bei etwas helleren Bedingungen fanden wir rund 150 Kenianer am Ende der asphaltierten Straße und rannten mit ihnen raus aus Iten dem Sonnenaufgang entgegen. Am Ende hatten Andi und Jenni 25km (in 2h!) mit 500 Höhenmetern runter und rauf hinter sich gebracht – mir reichten bereits 19km bzw. 95 Minuten. Die restlichen Kilometer spazierte ich müde und durstig durch die langsam erwachende Kleinstadt. Ein Video dazu gibt es hier auf meinem Youtubechannel (bald dann ohnehin unter „Videos“ auf der Seite.)

Am Nachmittag fuhren wir in die 230.000 Einwohner Stadt Eldoret. Der Besuch in der von einem Mühlviertler betriebenen Pizzeria zum Mittagessen war eher ein Reinfall, der anschließende „Shoppingtrip“ dann aber ein lustiges und Abwechslung bringendes Erlebnis.

Die Woche wurde eher dauerlaufend beendet. Am Samstag spazierte ich mit Jenni durch Iten inklusive Besuch des hiesigen Runnerspoints und des wöchentlichen Marktes. Unbeschreiblich was wir dort alles sahen!

Sonntag dann stand nach einem erneuten Longrun der Besuch der in der Nähe befindlichen Kruger-Farm an. Auf diesm riesigen Areal durften Jenni, Lisa, Willy, Balint und unser liebgewonnener Fahrer Kibet mehrere Giraffen beobachten – und das nach 30minütigem Spaziergang aus gerade einmal zehn Meter Entfernung! Auch dies war total atemberaubend!

Nach der guten Belastung heute heißt es jetzt bis zu unserer Abreise am Donnerstag noch ein paar ruhige Dauerlaufkilometer in unsere Beine zu bringen. Und dann freuen Jenni und ich uns langsam doch wieder auf Wien und unser Zuhause, obwohl wir uns sicher sind, die vielen Erlebnisse niemals zu vergessen und die Eindrücke werden unser Läuferleben noch sehr lange (positiv) beeinflussen!

Und wenn ich dann bei einem unserer zwei Zwischenstopps am Heimweg wieder die Muße finde, mich vor den Laptop für einen Bericht zu setzen, werde ich Euch alle Trainings der zweiten und dritten Woche sowie der letzten Tage der vierten Wochen hier online stellen! Bis dahin, JAMBO 🙂

Über Christoph Sander

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track is back

Es ist nun wieder da - dieses ganz eigene Kribbeln, das in einem empor zu steigen scheint, wenn der Inhalt der geschriebenen Zeilen des Trainingsplans langsam im Hirn ankommt und dir der Gedanke einschießt: "Ui, wie soll dass denn gehen"

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